…der Hansi bei Jurig’s – über die Entstehung der Rüger – Schokolade


… der Vollständigkeit halber, bringe ich heute ein bereits schon einmal vorgestelltes Foto, dessen Geschichte damals wie folgt eingeleitet wurde:
“Aus einer Zeit, in der Bäckereien Montags noch geschlossen hatten: Feinbäckerei Arthur Jurig – Dresden um 1930-35.
Dieses Foto erhielt ich von einem älteren Sammler für ein Foto, welches ein sächsisches Infanterieregiment zeigte. Da er selber mit solch zivilen Bildern nichts anfangen kann, ergab sich eine schöne Gelegenheit zum Tausch.
Interessiert haben mich die rechts & links vom Geschäft angebrachten Hansi – Werbeschilder, von denen ich zwar schon einmal gehört hatte, aber nicht mehr wußte, als dass es um Schokolade geht.”
Wie ich nun endlich über ein altes Adressbuch von 1928 aus der SLUB herausfinden konnte, befand sich die Feinbäckerei Jurig  damals auf der Großenhainer Straße 177.
Die dargestellten Werbeschilder  mit dem Hansi – Maskottchen selbst wurden ab 1915 verwendet.  Sie werben für die Schokolade, die Otto Rüger seit 1858 in der ehemaligen Kakao-Mühle des Fabrikbesitzers Ferdinand Lobeck im Lockwitzgrund bei Sobrigau herstellte.
Nach eingehender Lektüre der Bücher von Conrad Alfred Rüger, welche er im Selbstverlag in Stuttgart von 1970 – 73 quasi als zusammengefasste Familienchronik herausbrachte, kann man die Geschichte des wohl berühmtesten Schokoladenfabrikanten als eines der wunderbaren Beispiele für die Epoche des Aufbruchs und der Gründerzeit im 19. Jahrhundert sehen.
1813, an einem Sonnabends früh, wurde er um 5 Uhr in der Dresdner Neustadt: Am Kohlenmarkt 19, geboren. Nach dem Tod des Vaters vom Großvater erzogen und zum Kaufmann bestimmt, war er von 1845 – 51 kaufmännischer Lehrling und Gehilfe in der Materialwarenhandlung C.A.B. Schmidt am Altmarkt. Danach wechselte er zur Fa. Uhlrich & Co, einer sog. Großhandlung in Rosinen aus der Levante. bzw. ein sehr bekannter Kolonialwarenladen mit Vertrieb im großen Stil.
Im Alter von 54 Jahren machte sich Otto Rüger  selbständig und pachtete vom 1. Juli 1858 ab die kleine, damals nur mit Wasserkraft arbeitende ‘Chocoladen- und Kakaofabrik’ des Ferdinand Lobeck im Lockwitzgrunde in Gemeinschaft mit dem Sohne Lobecks, Paul Lobeck. Das von Rüger selbst eingebrachte Kapital belief sich auf 5000 Taler von insgesamt 15 Tsd. Talern. Lobeck , der Vater, welcher eine Zuckerfabrik erworben hatte, verfiel bald darauf in Konkurs. Rüger löste sein Gesellschaftsverhältnis mit Paul Lobeck und kaufte die Chocoladenfabrik zu Michaelis 1859.
„Otto ist gestern glücklich in seine liebe Schokoladenfabrik eingezogen; ich habe ihm vorderhand einige Möbel von mir gegeben, weil er sein Stübchen nicht eher beziehen kann, (…); so gab ich ihm nur jetzt einen Kleiderschrank, Kommode und Bettstelle mit.“  (Wilhelmine Rüger)
1860 übernahm Rüger nach vollständigem Ausscheiden Paul Lobeck’s als Alleininhaber des Unternehmens und firmiert von da ab unter dem Namen „Otto Rüger“.
Er fing mit 5  Arbeitskräften an und konzentrierte sich zunächst auf die  Herstellung von Schokolade im kleingewerblichen  Betrieb. Später jedoch bedurfte es zur Erhaltung der Fabrik harter Arbeit, weil Lobeck der Ältere wiederum eine Chocoladenfabrik errichtete und dadurch einen scharfen Wettbewerb hervorgerufen hatte. Deshalb nahm Otto Rüger die Herstellung von Zuckerwaren, englischen Bisquits und Pfefferkuchen mit auf und  errichtete 1861 in Dresden, Am Altmarkt 21 – Ecke Schreibergasse, eine Verkaufsstelle.
Der Verbrauch der Fabrikerzeugnisse war damals noch äußerst beschränkt. Das Geschäft kam deshalb nicht recht vorwärts. Die Kriege von 1866 und 1879 störten es zwar, indessen nur vorübergehend.
„ In unmittelbarer Nähe ist’s sehr ruhig und friedlich, aber nicht weit davon sind massenhaft preußische Soldaten in den Dörfern einquartiert. Lockwitz blieb noch sehr verschont von fremden Militärs; nur einzelne Husaren und Ulanen sahen wir.“
Vom Kriegsdienst 1870/71 konnte sich Rüger loskaufen. „ Unser Otto macht trotz des Krieges (…) ganz gute Geschäfte. Jetzt richtet er sich in Dresden ein zweites Geschäftslokal (Anm.: Waisenhausstraße/Seestraße) ein.  Sein Gewölbe wollte in der Weihnachtszeit immer nicht ausreichen.“
Nach Beendigung des letzten Krieges wuchs der Volkswohlstand, so dass größere  Umsätze zu erzielen waren.
” Nun hat er jetzt 4 Pferde im Stall, (…) weil er sehr oft jetzt 2 Lastwagen zur Stadt schicken muss. (…) In diesem Jahr hat er schon mehrere hundert – über 3000 Collis – fortgeschickt.“ 
(Anm.:Colli -> Einzelstück, Verpackungseinheit einer Warensendung)
Lähmend wirkten auf die Chocoladen – Industrie hauptsächlich die zoll-politischen Verhältnisse aus. Besonders verhängnisvoll wirkte der Handelsvertrag mit Österreich von 1868, welcher die außerdeutschen Fabrikanten fertige Fabrikate unter billigerem Zoll einführen ließ, als die deutschen das Rohmaterial.
Der Kampf gegen diese  Zollverhältnisse, wie die in deren Folge entstandenen Fabrikationsmißbräuche, führte 1877 zur Gründung des Verbandes deutscher Chocoladenfabrikanten. Otto Rüger übernahm 1881 dessen Vorsitz bis 1897.    ” Durch Erlangung der Rückzollvergütung,  verschafft der Verband dem deutschen Fabrikate die Concurrenzfähigkeit auf fremden Markte.”
Ab 1876 – 1897 begann der Ausbau der Fabrik.  Rüger legte eine Exportfabrik an, welche unter Aufsicht von Zollbeamten zollfreies Rohmaterial für die Ausfuhr nach dem Auslande vorbereitete. Für Österreich, wohin er hauptsächlich seine Waren vertrieb, erwarb er etwa 1880 eine Verkaufsstelle in Wien am Stephansplatz und 1895 den Grund und Boden für eine Zweigfabrik in Bodenbach, welche er vom Herbste 1896 ab betrieb.
Seit dem Eintritt der sog. Gründerjahre, nach 1870, ” war das Geschäft durch vollständige Umgestaltung der Lohnverhältnisse doppelt schwierig geworden.”
Im Jahr 1875 begann dann endlich ein finanzieller Erfolg, der jedoch durch ungünstigen Ankauf von Rohmaterialien wieder geschmälert wurde. Erst mit Beginn des Jahres 1880 trat ein nachhaltiger Aufschwung ein. Endlich gelang es 1883, angrenzendes Land zu erwerben. Sofort wurde ein Neubau in Angriff genommen. Jährlich folgten weitere Bauten, sowie die Aufstellung neuer Maschinen.  Am 19. Juni 1883 erhielt die Fabrik Besuch des Königs, worüber der ‘Dresdner Anzeiger’ ausführlich berichtete.
” Nachdem sich Se. Majestät hochbefriedigt über das Gesehene ausgesprochen, verließ Höchstderselbe nach halbstündiger Anwesenheit das Rüger’sche Etablissement, vor welchem Gemeindevertretung und Schule von Sobrigau neben dem gesamten Fabrikpersonal Aufstellung genommen hatten. Unter strömendem Regen setzte Se. Majestät die Rückfahrt nach Pillnitz fort.“

Otto Rüger bekam am 14. April 1890 den Titel: ‘ königlich sächsischer Commerzienrath’.
Nach und nach waren nun die 4 Söhne in das Geschäft eingetreten, was eine angemessene Arbeitsteilung in der Leitung beider Betriebe ermöglichte.
Am 1 . Juli 1883,  zur Feier des 25 jährigen Geschäftsjubeleums, errichtete Rüger vorbildlicher weise eine Betriebsbeamtenkasse mit 2000 Mark Einlage und zum 30 Jubeleum eine Alters- und Invalidenstiftung mit 18 000 Mark Grundkapital.

Wer Weiteres über die Rüger’sche Sippe nachlesen möchte, schaut in die u.g. Bücher, die allesamt in der SLUB verfügbar sind.

Nun noch der Nachtrag zum Hansi Werbeschild:

- Der berühmte Hansi -
‘ Entworfen wurde der Hans vom Kunstmaler Otto Zieger sen. aus Dresden Plauen, Kaitzer Straße, der das Bild etwas 1895 entwarf. Er hatte sein 4. Kind, Paul Zieger, in dieser typischen, oft variierten Hansi- Aufmachung gezeichnet. Gemäß dem Umstande, das in der Familie Zieger ein Onkel namens Paul Zieger existierte, wurde Paul Zieger jun. zur besseren Unterscheidung mit dem Vornamen Hans belegt.“
Paul – genannt Hans Zieger, geboren 1888 in Dresden Plauen, wurde Dekorateur, er starb unverheiratet in der Schweiz. Das Hansi Bild existiert ca. seit 1904 offiziell. „Jedem ist das Hansi Bild in guter Erinnerung. Diese Vignette war eine äußerst günstige Reklame, um welche die Firma Rüger viel beneidet wurde.“ ‘

Quellen:
Conrad Alfred Rüger:
- Wilhelmine Rüger, geb. Leonhardi – Leben und Schicksal einer Dresdnerin (1804 – 1875), Stuttgart 1973
- Otto Rüger – Ein Leben für die Schokoladenindustrie, Stuttgart 1972
- Die Rüger’sche Sippe, Stuttgart 1970

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